Ein Gastbeitrag von Michael Trapp aus Nonnenhorn
Es bleibt nicht mehr viel Zeit um das Erreichen eines ökologischen Kipppunktes zu verhindern mit dem wir unsere labile Weltordnung gefährden würden. Die atmosphärische CO2-Konzentration steigt beschleunigt an, von ~1 ppm CO2 p.a. in den 1960ern auf über 3 ppm p.a. in 2023 / 2024. Trägheitsmomente der Erdsphären, Rückkopplungseffekte, unbekannte Mechanismen erdsystemischer Veränderungen, Volkswirtschaften mit fossiler Abhängigkeit (fördernde & nutzende) u.a.m. indizieren einen weiteren Anstieg der CO2-Konzentration und damit der globalen Oberflächentemperatur, denn sie folgt der CO2-Konzentration. Eine dauerhafte Überschreitung der 1,5°C Grenze (Pariser Abkommen von 2015) in den nächsten Jahren wird nicht mehr zu verhindern sein, denn dafür müssten wir die Treibhausgasmissionen bis 2030 um 43% reduzieren haben (Quelle: UNFCCC).
Um im verbleibenden Zeitraum die jährliche Emission von ~37 Gt CO2 oder ~58 Gt CO2e* zu minimieren und die nicht vermeidbaren CO2 Emissionen sowie das angereicherte CO2 aus der Atmosphäre (~1.100 Gt CO2) zumindest teilweise zu binden oder zu speichern, braucht es ein globales Miteinander und eine konsequente Umsetzung klimaneutraler Schlüsseltechnologien. Auf dem Weg zur Klimaneutralität müssen die Produktlebenszyklus-Emissionen, die transformationsbedingten Umbauemissionen als auch die Carbon Pay Back Time** einberechnet werden. Auch Rohstoffart, Dezentralität der Rohstoffgewinnung sowie -verarbeitung sind signifikante Einflussfaktoren.
* CO2e = CO₂-Äquivalente, Maßeinheit mit der das Erwärmungspotenzial verschiedener Treibhausgase auf ihre äquivalente Menge an CO₂umgerechnet wird.
** Die Zeit, die ein Produkt braucht um die über seinen gesamten Lebenszyklus freigesetzten Treibhausgase durch Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen zurückzuzahlen.
Grünes Methanol
Die Nutzung von Grünem Methanol (CH3OH) ist eines dieser Schlüsseltechnologien. Synthetisiert aus CO2, Wasser und regenerativem Strom hat es das Potential Milliarden Tonnen Treibhausgasemissionen zu vermeiden ohne dabei planetare Stoffströme zu stören (siehe: M Trapp Pädiatrische Allergologie » 04 / 2025 » Umweltmedizin S 46-52).
Methanol, noch produziert aus Erdgas, ist ein Grundstoff für zahlreiche Industriegüter, wie Klebstoffe, Farben, Kunststoffe, Baustoffe, Kältemittel, u.v.m. Marktprognosen gehen davon aus, dass 2050 ca. 500 Millionen Tonnen p.a. produziert werden. Grünes Methanol kann als Treibstoff für die Schifffahrt, den Straßenverkehr und als Grundstoff für Kerosin im Flugverkehr eingesetzt werden, kann Gebäuden als Heizstoff und Warmwasserbereiter dienen. Die Infrastruktur bedingten Umbauemissionen für die breite Anwendung von Grünem Methanol sind im Vergleich zu Wasserstoff geringer, da existierende Speicher-, Transport- oder Tanknetze mit wenig Anpassungsaufwand genutzt werden können und Erfahrungen aus der Industriellen Verwendung liegen bereits vor. Grünes Methanol ein „goldener“ Baustein in der Wertschöpfungskette.
Es werden Rohstoffe und Energiequellen genutzt, die unendlich verfügbar sind und das Prinzip eines ökologischen Kreislaufs. erfüllen Es kann in kleinen oder großen Reaktoren vor Ort des Gebrauchs hergestellt werden, was noch einige Entwicklungsschritte braucht. Dazu muss der Reaktor CO2 aus der Luft filtrieren können oder Zugang zu anderen CO2-Quellen haben (Biogasanalgen, Zementfabriken, sequestriertes CO2etc.). Er muss sich selbst mit regenerativem Strom versorgen können und benötigt einen Wasseranschluss. In ersten Entwicklungsprojekten wird sogar versucht das bei der Verbrennung (2CH3OH + 3O2 –> 2CO2 + 4H2O) wieder freiwerdende CO2 und Wasser im Reaktor aufzufangen und wieder zu verwenden.
Grünes Methanol im Straßenverkehr
Während in der Schifffahrt bereits mehrere Schiffe mit Grünem Methanol fahren, wird für den Straßenverkehr noch diskutiert welche Bedeutung Wasserstoff-Motoren, Batterie betriebene Elektromotoren und Methanol-Motoren für den Pkw- und Schwerlast-Verkehr haben. Hybride Optionen erweitern das Spektrum dieser emissionsminimierten Antriebssysteme. Um die maximale Treibhausgas-Emissionsminimierung zu erreichen muss die gesamte Rohstoff-Energie-Kette, der Aufwand für die Infrastrukturanpassung und letztendlich der Gesamtwirkungsgrad des Antriebssystems Berücksichtigung finden.
Methanol betriebene Fahrzeuge
Mit Grünem Methanol betriebene Fahrzeuge bieten ein hohes Maß an Emissionsminimierung, insbesondere wenn sie in Verbindung mit Elektroantrieben als Range Extender eingesetzt werden. Die Transport-, Lager- und Betankungsinfrastruktur kann zum großen Teil übernommen werden. Methanol ermöglicht schnelles Betanken wie gewohnt, bietet ähnliche Reichweiten wie fossile Flüssigkraftstoffe und funktionieren selbst bei Extremtemperaturen von minus 40°C. Der breite Anwendungsbereich mit entsprechendem Produktionsvolumen sprechen für einen preiswerten Zukunfts-Treibstoff. Es wird wahrscheinlich kein multifunktionales Antriebssystem für alle Segmente im Straßenverkehr geben. Mobilitätszweck, kommende Entwicklungsergebnisse, private und öffentliche Solarstromverfügbarbarkeit, gesetzliche Vorgaben u.a. werden unterschiedliche Bedarfe erzeugen. Das oberste Entscheidungskriterium sollte aber die Treibhausgas-Emissionsminimierung sein auch wenn diese Investitionen mit einem langfristigem ROI verbunden sind.
Keine Zeit für kleine Schritte
Für die Produktion von Grünem Methanol wird CO2 derzeit hauptsächlich aus Biomasse und Klärschlamm gewonnen. Für die Produktion im Millionen Tonnen Maßstab braucht es aber andere Quellen zumal Biomasse als Biokohle ein wertvoller Rohstoff für die Materialwirtschaft werden könnte. Derzeit entsteht die zweite Generation der Direct Air Capture Technologien, mit einem deutlich geringeren Energiebedarf. Damit rückt die Produktion von großen Mengen Grünen Methanols in greifbare Nähe.
Marktetablierung
Die Dringlichkeit der Transformation in ein klimaneutrales Wirtschaften wächst. Einem schnellen Markthochlauf von Grünem Methanol stehen Investitionsrisiken, Patente und fehlende großtechnische Erfahrungen entgegen.
In China werden bereits die ersten Methanol-Tankstellennetze errichtet, in Dänemark fahren 35 Containerschiffen der Maersk-Gruppe mit Methanolmotoren und die Vielzahl der Forschungs- und Entwicklungsprojekte, Unternehmen und staatlichen Unterstützungen, die grünes Methanol als Transformationsbaustein fördern, indiziert eine beschleunigte Marketablierung. Eine nationale oder europaweite fossilfreie Methanol-Wirtschaft hätte nicht nur signifikante Emissionsminderung zur Folge, sondern auch weitreichende wettbewerbsstrategische Konsequenzen für die Energie- und Materialwirtschaft. CO2, Wasser und Grüner Strom als Rohstoffe für einen multiplen Produktnutzen würden dazu beitragen ein hohes Maß an wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu erreichen. Eine Methanol-Wirtschaft hätte vielleicht auch eine Signalwirkung für die Realisierung anderer Schlüsseltechnologien.
Es geht um unsere Zukunft und die unserer Kinder.
Titelbild: Michael Trapp



Eine Antwort
Vielen Dank für die Beschreibung was mit „grünem Methanol“ alles schon jetzt geht – und was damit in Zukunft zur weltweiten Entwicklung für eine fossilfreie Energie- und Mobilitätsnutzung von Sonnenenergie ermöglicht wird.
Das stimmt zuversichtlich.
Wenn das Erdgas-Rohrnetz dann noch eine Sekundärnutzung erfahren kann, weil die Rohre als Installationsrohre für neue Kunststoff-Rohrleitungen für flüssiges Methanol verwendet werden können, dann wird das flüssige „grüne Methanol“ das neue Erdgas.
Die jetztigen Erdgas-Leitungen werden m.M. eine Renaissance erleben können – auch ohne Erdgas, sondern als Hülle für die dann neue eingezogene Methanol-Rohrleitung aus hochwertigem Kunststoff.
Es bleibt spannend – gerade auch was in der Versorgungstechnik-Optimierung so möglich wird.
Mit optimistischen Grüßen
Jogi Seitz