Kennen Sie die „Two-Mountain-Theory„?
Beim Lesen des Buches „Green China“ habe ich zum ersten Mal davon gehört – sehr lehrreich!
Ma Tianjie, freiberuflicher Autor und Umweltaktivist aus Peking, berichtet in seinem Buch sehr detailliert über die chinesischen Umweltschutz-Aktivitäten der letzten 30 Jahre. Vergiftete Flüsse, gigantische Staudämme, Smog in den Großstädten und Kohlekraftwerke, all das ist auch in unseren Köpfen präsent und sehr negativ belegt. Ma schreibt sehr ausführlich über den Protest der Bevölkerung, den Kampf der lokalen Behörden gegen die Unternehmen und die Rolle der sich stetig verschärfenden Gesetzgebung in den Provinz- und Zentralregierungen. Die Berichte von Ma haben mich stark an sehr ähnliche Vorgänge in Deutschland erinnert: Die dreckige Luft im Ruhrgebiet, das Einleiten von Abwässern aus Chemieanlagen in den Rhein, die Verklappung von Dünnsäure in der Nordsee und vieles mehr. Das war nur ein paar Jahrzehnte früher und genauso wie in China Teil der frühen industriellen Entwicklung.
Heute ist China weltweit die Nummer 1 bei den Umwelttechnologien geworden, ob Photovoltaik, Windenergie, Batteriespeicher oder grüner Wasserstoff. Dabei geht es nicht nur um die Produktion, sondern auch deren Anwendung in China. Stadtbusse fahren inzwischen zu 100 Prozent elektrisch. Vom chinesischen Bahnsystem können wir in Bezug auf Sauberkeit, Pünktlichkeit und Geschwindigkeit nur träumen. In China sind inzwischen gut 1.000 Gigawatt (GW) an Photovoltaik-Leistung installiert. Damit wurden deutlich mehr als 1.000 Terrawattstunden (TWh) an grünem Strom produziert. Zum Vergleich: In Deutschland sind wir bei 106 GW installierter Photovolatik-Leistung und haben damit 87 TWh Strom produziert.
Im letzten Kapitel kam dann Ma auf die „Zwei-Berge-Theorie“ zu sprechen, die auch in einem Beitrag des Club of Rome schön erklärt wird:
Im Jahr 2005 war Xi Jinping als Provinzsekretär von Zhejiang tätig und führte diese Theorie ein: Klares Wasser und üppige grüne Berge sind genauso wertvoll wie Berge aus Gold und Silber. Zu der Zeit hat Xi mit seinem lokalen Aufruf begonnen, die wirtschaftliche Entwicklung mit dem Umweltschutz in Einklang zu bringen. Als Xi an die nationale Macht kam – 2012 Generalsekretär der Kommunistischen Partei und 2013 Präsident Chinas – erhob er seine Theorie auf das Niveau der nationalen Strategie.
Was er damit meinte:
Um zu einer nachhaltigen, grünen Gesellschaft (grüner Berg) zu kommen, bedarf es sehr vieler Investitionen (Berg aus Gold und Silber). Das dafür notwendige Kapital muss erst verdient werden. Das geht zunächst nur mit den traditionellen, oft klimaschädlichen Technologien und Produkten. Diesen Konflikt hat er mit seinem Bild von den beiden Bergen sichtbar gemacht und konnte damit Akzeptanz für die Umsetzung seiner Strategie schaffen.
Vielleicht wäre das auch ein wichtiges Thema bei der Umsetzung des „Green Deal“ der Europäischen Union. In der Vergangenheit hatten die Fahrzeug- und Öl-Konzerne mit zweistelligen Milliardengewinnen geglänzt, aber die konsequente Umsetzung der grünen Zukunftstechnologien vernachlässigt. Heute freuen wir uns darüber, die für die Energiewende notwendigen Produkte günstig aus China beziehen zu können.


