Um den Unterschied zwischen Theorie und Praxis am eigenen Leib zu erfahren habe ich mir dieses Jahr zu meinem Geburtstag mein erstes Elektroauto geschenkt.
Was soll ich sagen? Ich war ganz schön aufgeregt!
Es sollte auf jeden Fall ein deutsches Fabrikat sein. Ich habe ja selbst drei Jahrzehnte in der deutschen Autoindustrie gewirkt und möchte diese nicht untergehen sehen. Könnt Ihr selbst auch mal darüber nachdenken, anstatt ausländische Autos zu kaufen…
Nun zum Auswahlprozess: die Neuwagen finde ich aktuell noch viel zu teuer für das, was sie bieten. Also habe ich im Gebrauchtwagenmarkt gestöbert und wurde fündig bei einem BMW i3 REx. Ein Vorreiter der deutschen Elektromobilität bei dessen Entwicklung ich damals auch meine Finger im Spiel hatte. Ein echtes Innovations Paket: Ein extrem leichtes und festes Kohlefaser Chassis mit Kunststoff Beplankung. Ein neues Raumkonzept – aussen Kleinwagen aber innen ein vollwertiger Viersitzer. Und ein Traum von einem Antriebskonzept: ein serieller Hybrid mit einem 170 PS Elektroantriebsmotor im Heck sowie einem 75 PS Zweizylinder Benzinmotor daneben, auch im Heck eingebaut, der ausschließlich für das Aufladen der kleinen Batterie während der Fahrt zuständig ist, wenn man einmal längere Strecken fahren möchte.
Die kleine und deshalb leichte Batterie ist im Fahrzeugunterboden eingebaut und hat beim i3 REx nominal 22 kWh Energieinhalt (19,6 kWh werden genutzt), im Vergleich zu den großen E-Batterien im rein Batterieelektrischen i3s mit 66 kWh. Über den beiden Motoren befindet sich noch ein anständig dimensionierter Kofferraum, der durch das Umklappen der Rücksitzlehnen gut erweitert werden kann. Ein neun Liter fassender Benzintank liegt vorne im Fahrzeug und lässt sogar noch Platz für einen „Frunk“, also einen kleinen Kofferraum in der Fahrzeugfront.
Momentan hat jeder Gebrauchtwagenkäufer die Angst, dass es ein zu großes Risiko ist, ein zehn Jahre altes Elektroauto mit über 100 tausend km Laufleistung zu kaufen, da die Batterien dann ja schon hinüber sind. Diese Sorge hatte ich auch.
Also habe ich mir von meinen Freunden bei BMW den Zugang zum Geheim-Menue im Bordcomputer des i3 geben lassen. Dort kann man selbst den SoH (State of Health) der Abtriebsbatterie auslesen. Garantiert hat BMW noch 80% Energieinhalt nach zehn Jahren oder 160 tausend km, je nachdem, was zuerst eintritt. Mit diesen Informationen bin ich also zum Verkäufer nach Stuttgart gefahren. Und was soll ich sagen: der Wagen steht noch fast da wie neu bis auf ein paar Kratzer und Flecken, die man alle beseitigen kann. Der kaufenentscheidende Zustand der Batterie ließ sich ganz einfach auslesen und beträgt noch ganze 89 %!
Der vollausgestattete Wagen kostete 2015 übrigens stolze 50 tausend Euro. Mit ein bisschen Verhandlungsglück hat er mich jetzt noch zehn tausend Euro gekostet. Ich denke damit kann man nichts falsch machen, selbst wenn mal etwas an der Batterie kaputt gehen sollte. Ein üblicher Zellentausch schlägt dann mit ca. vier tausend Euro zu Buche sagt das Internet. Das wäre insgesamt immer noch ein Schnäppchen!
Also habe ich den i3 mutig gekauft mit der Absicht, in Lindau und im Umland ab sofort vorwiegend elektrisch zu fahren. Aber wie bringe ich mein neues Träumchen jetzt die 214 km von Stuttgart nach Lindau? Schlaflose Nächte schon im Vorfeld… Detailplanung im Internet… Wie und vor allem wo kann ich meine winzige Batterie laden? Mit welcher Strategie setze ich meinen Range Extender ein? Bleibe ich vielleicht schon auf der ersten Fahrt im Nirgendwo liegen?
Ich sollte es eigentlich besser wissen aber mein Bauchgefühl hatte große Sorgen. Ich fuhr also los mit einer voll geladenen Batterie und einem vollen Benzintank. Der Bordcomputer orakelte eine Gesamtreichweite von 240 km. Aber auf meiner ersten Fahrt war ich auf maximale Sicherheit bedacht. Also fuhr ich zuerst einmal nur bis zur Raststätte Merklingen. Dort lud ich die Batterie am Schnelllader, von dem sich der i3 maximal 50 kW gönnt, um nach 20 Minuten schon wieder auf 80% Ladestand zu kommen. Dann parkte ich um an die Benzinzapfsäule nebenan und tankte sechs Liter E10.
Jetzt wurde es schon das erste mal lustig im REx Alltag: ich gehe zu Kasse und die Dame sagt mir, dass ich ein Elektroauto doch nicht tanken darf. Ich erwidere geistesgegenwärtig: doch, ich möchte ein bisschen weiter kommen. Deshalb habe ich meinen Kofferraum geöffnet und sechs Lieter Benzin reingeschüttet. Da schreit sie mich verzweifelt an, dass dies nicht erlaubt sei und auch sehr gefährlich sei… Ihr Kollege an der Nachbarkasse lachte schon aus vollem Hals als ich ihr endlich das Geheimnis mit dem Range Extender auflöste! Dann lachten wir alle herzlich zusammen und ich liess ihr ein extra hohes Trinkgeld da!
Ich fuhr mit sehr guter Laune weiter, während mein REx auf der Autobahn den Ladezustand der Batterie erhielt. Der Wagen ist bei 150 km/h abgeregelt, was aber bei dem heutigen Verkehr sowieso kaum länger zu fahren ist. Zur „Sicherheit“ tankte ich noch einmal kurz nach Memmingen. Kurz vor Lindau schaltete ich den Benzinmotor aus und fuhr ganz stolz rein elektrisch durch die Stadt nach Hause. Die Restreichweite wurde dann noch mit exakt 214 km angezeigt… Da war ich wohl viel zu ängstlich 😀
In den vergangenen Tagen habe ich meinen neuen Wagen im Alltagsbetrieb näher kennen und lieben gelernt und freue mich jeden Tag mehr über das lautlose Fahren, den starken Anzug, den Komfort und seine enorme Variabilität. Jetzt warte ich nur noch auf das klimaneutrale eMethanol oder das eBenzin an Lindaus Tankstellen!
Mein Fazit:
1. Gebrauchte Elektroautos sind eine sehr gute Wahl wenn man den SoH der Batterie kennt. Und einige meinen, dass gerade der i3 ein Ewigkeitsauto ist, da er wertig gebaut worden ist und selbstverständlich auch nicht rosten kann.
2. Die Preise für gebrauchte Elektroautos sind zur Zeit ganz tief im Keller. Das wird sich jedoch bald ändern sobald mehr Leute zugreifen. Dies führt letztendlich zu steigenden Verkaufszahlen von neuen Wagen, da der Wiederverkaufswert ansteigt.
3. Die Chinesen haben es schon wieder als erste begriffen, dass Fahrzeuge mit Range Extender, oder wie es AUDI so schön nennt: Energiewandlern, besonders attraktiv sind. Insbesondere wenn sie direkt mit eMethanol betrieben werden können. Damit ist nämlich das dünne Ladesäulennetz ausserhalb der Großstädte oder auch in Entwicklungsländern kein Problem mehr. Es ist mir vollkommen unverständlich, warum unsere anderen deutschen Automobilhersteller dies bis heute noch nicht kapiert haben!
Titelbild: mein neuer Flitzer Bild: privat


