Von Uta Weik-Hamann
Es soll jetzt bald wieder eine neue Ente geben, vielleicht sogar eine elektrische, aber auf jeden Fall eine der ursprünglichen sehr ähnliche und wiedererkennbare. Warum eigentlich nochmal eine neue Ente?
WAS WAR DENN DIE ENTE ÜBERHAUPT?
Zunächst einmal war das ein in den 40er-Jahren von Citroën herausgebrachter, universell verwendbarer, robuster und günstiger Kleinwagen, der vor allem in der Landwirtschaft hervorragend einsetzbar war, da er durch seine spezielle Konstruktion auf jedem Gelände und durch Dick und Dünn gefahren werden konnte. Das lag vor allem an seiner besonderen Radaufhängung und dem hohem Radstand, mit dem man auch voll beladen überall durchkam, sogar auf Äckern. Das Fahrzeug legte sich durch diese Konstruktion auch weit in die Kurven hinein und machte damit die Bewegungen „watschelnd“ wie bei einer Ente. Die Bezeichnung 2 CV rührt übrigens vom früheren französischen Steuerprinzip her, nachdem die Motorleistung, in dem Fall 2 Pferdestärken (deux chevaux) die Steuerklasse bestimmte.
EIN FAHRENDES BAGUETTE AUF RÄDERN.
Von den oben erwähnten banalen Fahrzeugdaten soll eigentlich gar nicht die Rede sein. Denn das war in den 60er und 70er-Jahren nicht in erster Linie der Grund, einen 2 CV zu fahren. Der Hauptgrund (jedenfalls für junge deutsche Fahrbegeisterte) war nicht nur das offensichtlich Unkonventionelle (und für diese Generation eher angenehm Un-Deutsche), sondern genau das explizit Französische an diesem Auto. Es war sozusagen das fahrende Baguette mit Pariser Luft als Fahrwind. Und das aufmüpfige Paris mit seinen Straßendemos war uns jungen, angehenden Studenten damals das erstrebenswerte Vorbild, sowohl in der Kleidung und Haartracht, als auch in der Gesamthaltung und Gesinnung.
MEIN TRAUM-AUTO.
Der klassische Citroën 2CV, die vielgeliebte und oft gehasste Ente, war deshalb damals mein persönlicher, absoluter Auto-Traum, sobald in den frühen 70er-Jahren überhaupt ein Führerschein und damit die Möglichkeit eines eigenen Autos in Sicht kam. Anders als zumeist heutzutage, war das eigene Auto ja damals das erste und wichtigste Ziel eines Heranwachsenden und das eindeutige Zeichen, ein selbständiger Erwachsener geworden zu sein.
Ein eigenes Auto bedeutete zunächst einmal die Freiheit, sich überall und zu jeder Zeit nach eigenem Gutdünken fortbewegen zu können. Freiheit vom gezwungenen Mitfahren bei den Eltern, oder vom erbettelten Ausleihen des heiligen väterlichen Stolz-Wagens. Es bedeutete die Möglichkeit, das eigene Ziel selbst gewählt und zu jeder Zeit bestimmen und damit sowohl einschränkenden öffentlichen Verkehrsmitteln als auch der elterlichen Aufsicht endlich entkommen zu können. Das war zum Ende der Pubertät und mitten in der großen Befreiungswelle politischer und sozialer Neuerungen der späten 68er-Jahre ein Ziel und Lebensgefühl.
Aber natürlich war damit auch noch anderes verbunden. Denn eigentlich hätte (und hat) man diese mobile Freiheit mit jedem billigen Kleinwagen erreichen können (und die meisten erfüllten sich dieses Bedürfnis mit einem alten gebrauchten Käfer). Aber mit einer Ente konnte man noch viel mehr.
EIN LEBENSGEFÜHL.
Die Ente war ein ganz besonderes Auto! Nein falsch, eigentlich war das gar kein Auto, sondern eine öffentliche Aussage, ein Statement an alle, eine Art Outing, ein öffentlich gemachtes Lebensgefühl. Man konnte damit auf den ersten Blick eine eindeutige Aussage treffen: eine gesellschaftliche Einordnung oder besser Ausgrenzung vom Mainstream der braven, integrierten, angepassten Normalbürger mit „normalen“ Autos wie VW, Opel oder ähnlichen erschwinglichen, aber stets anständigen Kleinwagen. Die Ente war unanständig. Sie fügte sich nicht brav ein ins normale Straßenbild, sondern stach heraus durch ihre absichtlich andere Form und Funktion. War ein Käfer vielleicht bei grober Betrachtung mit seiner runden Buckelform ähnlich, so wurde aber bei näherem Hinsehen der Unterschied sofort deutlich: Der Käfer war im Vergleich wie brav gescheitelt gegenüber dieser gegen den Strich gebürsteten, staksig hochbeinigen Wackel-Konstruktion.
Die Ente war nicht anständig geschlossen, sondern ihr aufrollbares Stoffdach kündete von stets möglicher luftiger Freiheit nach oben. Keine eindeutige Öffnung wie bei einem Cabriolet, sondern diese freche, versteckte Möglichkeit der Offenheit bei seitlich geschlossenen Wänden. Diese Offenheit nach oben ließ denn auch völlig andere Nutzung zu als bei einem Cabrio, in dem man nur mit passender, vor Wind schützender Kopfbedeckung (gerne doppelt geknotet wie bei Grazia von Monaco), aber öffentlich sichtbar präsentiert, sein eher teures Gefährt nach Außen vorführte.
In eine Ente konnte alles hinein, alles transportiert werden und gerne dabei auch mal oben herausschauen: beispielsweise der Umzug einer Studentenbude, zu große Möbelstücke oder Musikinstrumente oder, wie ich es in Frankreich sah, schlicht eine Ladung Heu mit heraus stehender Heugabel im offenen Dach und gemütliche Gaulois rauchendem Bauern hinterm Lenkrad….Alles machbar. Ente halt.
Ob das die neue allerdings auch noch kann…?? Das liegt nicht nur am zu erwartenden neuen Styling, sondern auch an der zu erwartenden KäuferKlientel.
WAS VERSPRICHT DA DIE NEUE ENTE?
Sowohl die Anforderungen haben sich mit den heutigen Käufern geändert, wie auch die Einstellung zu Automobilen generell und welches Gefühl man damit verbindet. Wohl kaum einer wird heutzutage noch so viel Freiheitsgefühl, gepaart mit Weltanschauung oder Statement in ein Auto legen (außer vielleicht Porschefahrer oder so…). Und die Firma Citroën wird sich bei ihrer Verkaufs-Strategie nicht nur auf die übriggebliebene Generation der damaligen Fans aus den 70er-Jahren verlassen können (die selbst längst Mainstream sind), denn einige von denen geben langsam schon wieder ihre Führerscheine ab…. Die neue Ente wird also eher ein „normaler“ Kleinwagen sein mit einem etwas anderen Styling zwar, aber nur, um ihn erkennbar zu halten und eventuell „nett“ anzusehen… Aber dann kommt doch noch ein anderer, neuer und wichtiger Aspekt hinzu: diese neue Ente soll ja elektrisch werden!
DIE ELEKTRISCHE ENTE UND DIE ENTSCHLEUNIGUNG ALS LEBENSGEFÜHL.
Und plötzlich ist es wieder da, das ursprüngliche Gefühl der absolut coolen Gelassenheit durch die (damals) geradezu provokative Langsamkeit einer Ente. So auch jetzt: denn auch ein neues Elektroauto steht für Entschleunigung (schließlich kostet schnell fahren viel Strom…) und es zeigt Naturnähe durch seine geruchsfreie und leise Art der Fortbewegung. Nahe an der Natur, fast wie in alten Hippie-Zeiten. Und wie gesund wäre dieses neue naturnahe und bewusst langsame Lebensgefühl!
Man kann sich also gut vorstellen, ganz entspannt und lässig mit Picknick-Korb und Warm- oder Kaltgetränk neben der Ente zu sitzen und beim Laden zuzusehen. Vielleicht liefert Citroën ja den Picknick-Korb gleich mit, als Extra noch Liegestuhl und Sonnenschirm in der Wagenfarbe. Alternativ kann man natürlich auch aus schmackhaft unterstützter Entfernung vom französischen Bistro gegenüber den Ladevorgang betrachten und genießen.… Französisch Enten-mäßig halt.
Oui, je veux…..ich möchte wieder eine.
Bild: Uta Weik
Foto: privat



