Die Gasspeicher werden leer – müssen wir bald frieren?

So oder so ähnlich lauten die aktuellen Schlagzeilen. Manche Politiker schlagen Alarm, und die zuständige Ministerin bleibt cool. Das führt natürlich zu einer starken Verunsicherung in der Bevölkerung. Eigentlich wäre etwas mehr Aufklärung durch die Medien wünschenswert. Lassen Sie mich das in aller Kürze tun.

Zur ersten Einordnung einige Zahlen: Wir verbrauchen in Deutschland jedes Jahr – zuletzt leicht ansteigend – etwa 800 Terrawattstunden (TWh) an Erdgas. Das sind ungefähr 80 Milliarden Kubikmeter. Der Anteil an heimischem Biomethan liegt bei 1,5 Prozent und spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Die deutschen Speicher haben eine Kapazität von 230 TWh. Was sagt uns das? Der größte Teil des Erdgases wird kontinuierlich importiert und nur die saisonalen Schwankungen im Verbrauch (im Winter etwa doppelt so viel wie im Sommer) werden durch die Speicher ausgeglichen.

Damit sind wir schon bei der nächsten Frage: Woher kommt denn das Erdgas? Dazu gibt es auch eine immer wiederkehrende Meldung der Medien: Der größte Teil kommt aus Norwegen, vor den Niederlanden und Belgien. Wie, Belgien hat Erdgas? Davon habe ich noch nie etwas gehört. Das „belgische“ Gas kommt tatsächlich von den LNG (Flüssiggas) Terminals in Rotterdam und Zeebrücke und wird dann per Pipeline nach Deutschland geliefert. Entlang der europäischen Küsten gibt es jede Menge Terminals für Flüssiggas. Interessierte finden hier eine Karte mit den detailierten Informationen.

Damit sind wir in Europa angelangt. Wie hoch ist denn der Erdgasverbrauch in der EU? Der liegt bei etwa 4.000 TWh (inklusive UK) und die europäischen Speicher können etwa 1.100 TWh an Erdgas einlagern (Die Füllstände liegen aktuell in der EU mit ca. 33 Prozent nur etwas höher als die 23 Prozent in Deutschland). Vergleicht man das mit den Bevölkerungszahlen (D: 83 Mio; EU + UK: 520 Mio.), dann liegt der Verbrauch in Deutschland nur leicht höher als der EU-Durchschnitt.

Ganz Europa ist mit einem sehr dichten Netzwerk an Gaspipelines durchzogen, das auch – ganz im Gegenteil zu manchen Berichten – kontinuierlich weiter wächst. Alleine das Übertragungsnetz hat eine Länge von 160.000 Kilometer und sorgt für den Import und die großräumige Verteilung des Erdgases. Die regionalen Verteilnetze umfassen etwa zwei Millionen Kilometer.

Die vielleicht spannendste Frage: Wer liefert das Erdgas für die EU? Der größte Lieferant ist Norwegen, gefolgt von den U.S.A, Russland und Algerien. Der Anteil an LNG liegt bei etwa 14 Prozent (Alle Zahlen aus 2024). Der bislang noch erhebliche Anteil von Erdgas per Pipeline  und LNG aus Russland soll 2027 eingestellt werden. Wie wird das kompensiert? Durch LNG aus den U.S.A oder von der Arabischen Halbinsel? Flexibel lieferbares LNG reduziert einerseits den Bedarf an Gasspeichern, führt andererseits zu geopolitischen Abhängigkeiten.

Für was wird das Erdgas in Europa gebraucht? Gut 40 Prozent sorgen für die Wärme in unseren Gebäuden. Mehr als ein Drittel braucht die Industrie für ihre Prozesse und knapp ein Viertel geht in die Stromerzeugung und wird zunehmend wichtiger, um die stark fluktuierende Stromerzeugung aus Sonne und Wind an den Bedarf zu jeder Tages- und Jahreszeit anzugleichen.

Abschließend noch eine Einordnung in den gesamten Energieverbrauch von Europa: Erdgas versorgt uns heute mit etwa einem Viertel unseres Primärenergiebedarfes. Erdöl und Kohle liegen in der gleichen Größenordnung, so dass wir unseren Energiebedarf zu drei Vierteln mit fossilen Energien decken. Beim Strom aus Sonne und Wind liegen wir heute bei nur etwa 6 Prozent des Primärenergieverbrauches. Da bleibt noch sehr viel zu tun bis zur Klimaneutralität!

Fazit: Die stark verkürzten Aussagen der Medien und der Politik sind wenig hilfreich. Zu Panik gibt es jedoch keinen Anlass. Wir sollten aber die vielfältigen Herausforderungen der Energiewende verstehen und sehr konsequent die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen. Das geht nur, wenn wir engagiert und vorurteilsfrei alle technologischen Optionen angehen.

 

Titelbild: kwon-junho-p17VdgRFXAQ-unsplash

 

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