In unseren Köpfen wird China bislang immer noch als „verlängerte Werkbank“ wahrgenommen. Dort lassen wir gerne all das produzieren, was bei uns in der Herstellung zu teurer wäre. Der dadurch gewachsene Wohlstand in China ermöglichte dann auch noch traumhafte Gewinne für die Hersteller unserer „Premium-Produkte“, ob Auto, Flugzeug oder Produktionsanlagen.
Das hat sich in nur wenigen Jahren umgedreht. Heute kaufen wir Solarmodule, Batterien, Produktionsanlagen und zunehmend auch Fahrzeuge aus China, und unsere traditionelle Industrie kommt ins Trudeln. Die Strategie Chinas konnte in der Vergangenheit jeder nachlesen oder vor Ort erleben – unsere Konzern-Vorstände und Politiker haben es offensichtlich nicht getan. Was steht jetzt in der neuen, kürzlich beschlossenen Strategie? Könnten oder sollten wir uns daran orientieren?
Für mich ist die angestrebte Unabhängigkeit das vielleicht prägendste Merkmal des neuen 5-Jahres-Plans.
Dazu gehört Chinas Abhängigkeit vom Import von fossiler Energie. Bei den aktuellen Ereignissen rund um den Krieg im Iran kann ich mir hierzu jede weitere Ausführung sparen. Nur soviel: Spätestens mit der Sprengung der Nordstream 2 Pipeline vor dreieinhalb Jahren hätten wir in Deutschland anfangen sollen, uns vom Erdgas zu verabschieden. Auf verflüssigtes Erdgas aus den USA, Russland oder Katar zu setzen, verschiebt nur die Abhängigkeiten. Unser Erdgasverbrauch ist seither gestiegen – letztes Jahr waren es 864 TWh und das trotz der etwa zwei Millionen Wärmepumpen, die primär den Verbrauch an Erdgas vom Keller zum Kraftwerk verlagern. So einfach wie es sich viele vorstellen funktioniert die Energiewende nicht und die Abhängigkeit von importierter fossiler Energie bleibt!
Das neue große Thema in China ist grünen Wasserstoff als gut speicherbarer Energieträger und Ersatz von Erdgas in allen Anwendungen – vom Verkehr bis zum Stahl – zu etablieren. So soll der Wasserstoffpries auf 3,25 € /kg (10 ct/kWh) bis 2030 reduziert werden. Das Ziel sind weniger als 2 €/kg (6 ct/kWh). Die Zahl der Wasserstoff-E-Fahrzeuge soll sich in vier Jahren auf 100.000 verdoppeln.
Bei Photovoltaik, Batterien und Windenergie ist China schon seit einiger Zeit Weltmarktführer und reduziert konsequent die Emission von Klimagasen.
Chinas Ziel ist, sich auch immer unabhängiger vom Import strategisch wichtiger Technologien zu machen. Dagegen werden Deutschland und Europa, trotz anderslautende Pläne, immer abhängiger vom Import der Zukunftstechnologien, wie wir es schon seit einiger Zeit bei der Photovoltaik und den Batterien sehen. Bei den Wasserstofftechnologien ist uns China inzwischen auch voraus und wir sind dabei in die nächste Abhängigkeit zu laufen.
Die neuen Technologien werden in China zur Industrie der Zukunft. Das bedeutet viele neue Arbeitsplätze, Gewinne und Exportchancen. Ein sehr lesenswerter Beitrag im „The Pioneer“ vergleicht Chinas Pläne mit den Hidden Champions in Deutschland:
„Beide, die Hidden Champions und die chinesische Regierung definieren langfristige Ziele, die sie in einem sich schnell wandelnden Umfeld pragmatisch versuchen anzupassen. Dabei soll strategische Koordination von oben Dynamik von unten generieren, die wiederum die Koordination von oben zu Korrekturen zwingt. Kreative, nicht geplante Wege bei der Umsetzung werden belohnt“
China zeigt uns, wie durch konsequente (harter) markwirtschaftliche Prinzipien weltweit führende Unternehmen entstehen. Private Unternehmen tragen tragen zu 50 Prozent zu den Steuern und zu 90 Prozent zu den neuen Arbeitsplätzen bei. Das Vorgehen hat überhaupt nichts mit Planwirtschaft zu tun, die sich dagegen bei uns zunehmend breit macht: Viele unsere Politiker, Ministerien und Forscher scheinen ganz genau zu wissen, welche Technologien gut und welche keinen Sinn machen.
Noch ein letzter Punkt zum Thema „Abhängigkeit“: Wie bei uns, kämpft auch China mit den notwendigen Arbeitskräften der Zukunft, um die immer älter werdende Bevölkerung zu finanzieren. Der neue 5-Jahres-Plan setz auf humanoide Roboter zur Kompensation des Arbeitskräftemangels. Die Erträge der fleißig arbeitenden Roboter sollen dann besteuert werden. Daraus werden die Renten finanziert, die wiederum den Binnenkonsum fördern.
Das wäre doch einmal ein gutes Thema für eine Debatte im Bundestag. Im Gegensatz zu den Scheingefechten um die „Benzinpreisbremse“ könnte uns das wirklich weiter helfen.
Titelbild: Petra Boeter KI-generiert


