Der folgende Abschnitt ist die Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung, die ich für das Wiener Motorensymposium 2026 gemeinsam mit Kollegen von der Technischen Hochschule Ulm geschrieben habe.
Die traditionelle Fahrzeugindustrie kann auf eine einhundertjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken, die in den Industrieländern für enormen Wohlstand gesorgt haben. Durch kontinuierliche Optimierungen – die sogenannten inkrementellen Innovationen – kamen immer attraktivere Fahrzeuge auf den Markt. Nach mehr als einhundert Jahren wird die Fahrzeugindustrie erstmals wieder mit bahnbrechenden, disruptiven Innovationen konfrontiert. Damals hatten Henry Ford mit der Massenproduktion von „Benzin-Kutschen“ und John. D. Rockefeller mit dem zum Fahren notwendigen Benzin die Pferdekutschen und deren Ökosystem aus dem Markt verdrängt. Heute sind es die Erneuerbaren Energien, die Elektromobilität und die Internettechnologien, die der traditionellen Fahrzeug- und Kraftstoffindustrie das Leben schwer machen. Für deren Strategie ist es essentiell, sich mit den typischen, gut untersuchten Merkmalen disruptiver Innovation auseinanderzusetzen. Dazu gehören die nur sehr schwer einschätzbare Entwicklung der Märkte für die völlig neuen Produkte und das exponentielle Wachstum in der frühen Phase der Marktdurchdringung. Schnelle und flexible Entwicklungsprozesse und die fortlaufende Beobachtung der Treiber für die Innovation, wie zum Beispiel die Klimaschutz-Gesetzgebung in allen relevanten Märkten, sind essentiell. Bei den oft kritisierten hohen Kosten und der teilweise mangelnden Qualität bei neuen Technologien wird regelmäßig vergessen, dass technologische Weiterentwicklung und die schnell wachsenden Produktionsvolumina zu einer massiven Kostendegression und Akzeptanz bei den Kunden führen.
Disruptive Innovationen erfordern in den frühen Jahren bis zur Erreichung einer kritischen Produktionsmenge erhebliche finanzielle Mittel, die nicht mit den hohen Renditeerwartungen des traditionellen Geschäftes einhergehen. Die von C.M.Christensen analysierten disruptiven Innovationen erstreckten sich über einen Zeitraum von mehr als einhundert Jahren und haben ein fundamentales, durchgängiges Merkmal gezeigt: Etablierte Konzerne haben es fast nie geschafft, bei disruptiven Innovationen aus sich heraus erfolgreich zu sein und die globalen Entwicklungen mitzugestalten. Meist wurden sie Opfer der sich schnell veränderten Märkte. Das liegt primär an den über Jahrzehnte etablierten Strukturen und Prozessen, die für den Erfolg mit den klassischen Produkten entscheidend waren.
Hier finden Sie den dazugehörigen Vortrag
Was ist die Konsequenz aus dieser wissenschaftlichen Analyse für die deutsche Volkswirtschaft?
Unsere etablierten, westlichen Konzerne können froh sein, wenn sie die Energie- und Verkehrswende überleben werden, vor allem, wenn sie an den kurzfristigen und hohen Renditen festhalten. Die Politik muss lernen, dass Fördermaßnahmen dafür gedacht sind, den Markteintritt zu erleichtern. Für E-Autos braucht es keine Förderung oder Subvention mehr, genauso wie für Photovoltaik oder Windenergie und schon gar nicht für Dieselkraftstoff. Ganz wichtig: Der Markteintritt neuer Produkte darf nicht durch künstliche Barrieren zum Schutz der alten Produkte behindert werden. Leider haben unsere Politiker das alles nicht verstanden und verhindern damit die so wichtigen Innovationen.
Titelbild (Petra Boeger, KI generiert): So entstand vor einhundert Jahren die Schlüsselindustrie Deutschlands und der damit verbundene Wohlstand. Die Technologien der Zukunft sehen anders aus.


