Letzte Woche hatten wir über das Dilemma der traditionellen Industrie bei disruptiven Innovationen berichtet. Im letzten Jahr wurde dieses Thema der „kreativen Zerstörung“ sogar mit dem Nobelpreis für die Wirtschaftswissenschaften gewürdigt. Ein Beispiel, das ich hautnah miterleben durfte, könnte helfen, die Zusammenhänge anschaulich zu machen.
Vor 12 Jahren hatten wir am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) in Ulm die weltweit erste industrienahe Produktionslinie für fahrzeugtaugliche Lithium-Ionen-Zellen in Betrieb genommen. Finanziert wurde das Großprojekt vom Bundesministerium für Forschung und Bildung und vom Land Baden-Württemberg. Auch alle relevanten deutschen Unternehmen wie BASF, BMW, Bosch, Daimler, SGL Carbon und viele mehr hatten sich an dem Aufbau einer einheimischen Produktionskompetenz beteiligt. Das Bild unten zeigt die damalige Bundesministerin Wanka und Daimler-Vorstand Thomas Weber (Dritter von rechts) bei der Einweihung der Anlage.

Das Projekt war eingebettet in die von der damaligen Kanzlerin Merkel 2010 ins Leben gerufene Nationale Plattform Elektromobilität (NPE). Ziel war es, gemeinsam (Politik, Industrie und Forschung ) die Elektromobilität auf breiter Basis in den Markt einzuführen. Das sehr gelungene Motto der Bundesregierung war:
Deutschland zum Leitmarkt und Leitanbieter für E-Mobilität machen!
Dabei spielen leistungsfähige und bezahlbare Lithium-Ionen-Zellen die Schlüsselrolle. Deutschland konnte 2014 mit der Pilotfertigung am ZSW seine weltweite Spitzenposition eindrucksvoll unter Beweis stellen. Über das Kompetenznetzwerk Lithium-Ionen Batterien (KLIB) wurde die komplette Wertschöpfungskette, vom Rohstoff bis zur Automatisierungstechnik, koordiniert. Mit Unterstützung der Unternehmensberatung Roland Berger hatte die deutsche Industrie dann 2016 eine detaillierte Strategie für die Fertigung von Lithium-Ionen-Zellen ausgearbeitet. Für die Bundesregierung hatte eine deutsche Zellproduktion allerhöchste Priorität.
Und was entschieden damals die deutschen Industrie-Kapitäne?
Sie wollten nicht in die Batterie-Zellfertigung einsteigen, um kein Risiko einzugehen, oder diplomatischer ausgedrückt:
Es gibt keinen Handlungsbedarf für den Aufbau einer deutschen Batteriezellfertigung.
Interessierte können dazu das Dokument mit dem Businessplan aus dem Jahr 2016 hier nachlesen: NPE_AG2_Roadmap_Zellfertigung
Zur gleichen Zeit investierten asiatische Konzerne wie Samsung, LG, CATL, BYD und viele andere massiv in die Zellfertigung. Sie übernahmen dann Stück für Stück den Weltmarkt für diese Schlüsseltechnologie der Zukunft. Der weltweite Umsatz mit Li-Ionen-Batteriezellen liegt heute bei 150 Milliarden USD, Tendenz schnell weiter wachsend.
Die deutschen und europäischen Aktivitäten zur Zellfertigung sind heute weitgehend gescheitert. Die Fabriken in Europa werden von asiatischen Konzernen gebaut. Der Traum vom Leitmarkt und Leitanbieter scheint ausgeträumt zu sein – oder?
Nachdem die Batterie die Schlüsseltechnologie in der Mobilität wie in der Energieversorgung der Zukunft ist, kommt in Folge die deutsche und europäische Industrie (Fahrzeuge, Energie) zunehmend ins Hintertreffen; dabei gehen viele Arbeitsplätze verloren. Wer aber die Schlüsseltechnologie kontrolliert, hat die besten Voraussetzungen, um die damit hergestellten Produkte (Autos, Batteriespeicher) zu vermarkten. Das bedeutet der Begriff „disruptive Innovation“ – die traditionelle Industrie wird zerstört!
Wenn ich in den Nachrichten das verzweifelte Herumstochern der Regierung zum ersehnten Wirtschaftswachstum verfolge, dann wird immer deutlicher: Die Politiker haben das Wesentliche nicht verstanden: Mit Technologien aus dem letzten Jahrhundert lässt sich die Exportnation Deutschland nicht wiederbeleben! Nur mit einer von der Industrie gemeinsam entwickelten Strategie lässt sich so ein Thema erfolgreich umsetzen. Der ständige Ruf nach dem Staat ist der falsche Ansatz.
Titelbild: Anlagen zur Elektrodenbeschichtung am ZSW in Ulm
Alle Bildquellen: ZSW
„Wir brauchen eine Batterieproduktion in Europa!“, diese Botschaften sind nicht zu überhören. Nachdem E-Mobilität und stationäre Stromspeicher immer rasanter den Markt erobern, ist sehr konsequent auch die Schlüsseltechnologie in Deutschland oder Europa zu fertigen. Genau das sind die so wichtigen Arbeitsplätze der Zukunft.


