Eine „Fiktion“ – wie lange noch?

Vor 5 Jahren hat Werner Tillmetz – zusammen mit seinem Kollegen Andre Martin – das Buch „Wasserstoff auf dem Weg zur Elektromobilität“ herausgegeben. Ich durfte damals einen Epilog dazu schreiben, den ich hier in Ausschnitten wiedergebe:

Mehr Boote und Schiffe auf dem Bodensee denn je – doch keiner hört sie“. 

Auch mit diesem Slogan wirbt die Touristik-Branche für ihr Alleinstellungsmerkmal. Denn ihr Wunschtraum ging in Erfüllung: Kein CO2, kein Lärm mehr auf dem See. Auch zu Lande verschafften der emissionsfreie Betrieb der Stadtbusse, das moderne Mobilitätskonzept rund um den See und die leichte Erreichbarkeit aller Orte – nicht zuletzt durch das hervorragende Radwegenetz – eine ungeahnte Steigerung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für Bewohner und Gäste. Davon profitiert mittlerweile die ganze Bodenseeregion, weil sie mehr denn je als hochinteressanter Wirtschaftsstandort wahrgenommen wird. Viele neue High-Tech Firmen, die sich mit allen Facetten der emissionsfreien Mobilität beschäftigen, haben sich in der Region niedergelassen. Und mit ihnen kamen junge, gut ausgebildete Fachkräfte mit ihren Familien. Zusammen mit der schnellen Anbindung an München, Zürich und Mailand bot ihnen die Region ideale Voraussetzungen für Familie und Beruf.

Tatsächlich ist der Bodensee der erste europäische See, auf dem nur noch Elektro-Boote – die kleinen mit Batterie und die großen mit Wasserstoff und Brennstoffzelle – zugelassen sind. Die Regelung gilt seit 2030 für neue Boote und seit 2035 für alle Boote – und zwar länderübergreifend! Auch die Schifffahrtsbetriebe haben schon vor einigen Jahren begonnen, auf grünen Wasserstoff umzustellen – nicht zuletzt aufgrund des Drucks vieler Initiativen rund um den See. Die Wasserstofftankstelle am Lindauer Hafen, die sich neben der Eilguthalle mit ihrem eindrucksvollen Museum für Automobile aus dem letzten Jahrhundert befindet, entwickelt sich dabei als echter Hotspot, sowohl für große Schiffe als auch private Boote. Dass deren Besitzer dabei so früh auf umweltfreundliche Antriebstechnik umgestellt haben, liegt an einer beispiellosen Förderaktion: Mit dem Verbot von Verbrennungsmotoren bei neuen Schiffen seit 2030 mussten auch die bestehenden Boote sauber werden. Jeder Bootsbesitzer, der sich bereit erklärte, innerhalb von fünf Jahren auf emissionsfreie Antriebe umzurüsten, bekam einen Zuschuss von 50 Prozent der Kosten… Jetzt, wo es die H2-Tankstelle am Lindauer Hafen gibt, wollten es sich die Verantwortlichen der Lindauer Nobelpreisträgertagungen natürlich nicht nehmen lassen, die Jungfernfahrt des neuen, wasserstoffbetriebenen Luxusschiffes „Bettina“ – benannt nach der Schirmherrin Bettina Gräfin Bernadotte – mit zahlreichen Nobelpreisträgern und bekannten Honoratioren zu begehen. Auch wenn es lange gedauert hat: Diese inzwischen sehr wirtschaftliche Technologie hat sich als Standard für die drängendsten Energiefragen etabliert.

Der ebenfalls anwesenden bayerischen Ministerpräsidentin dürfte allerdings auffallen, dass jetzt – anders als früher – neben zwei deutschen Automarken, welche die Laureaten von ihren Hotels zum Schiff bringen, auch viele attraktive Fahrzeuge asiatischer Hersteller dabei sind – alle abgasfrei, leise und teilweise autonom fahrend…Jetzt steht Deutschland mit 93 Propzent Reduktion im Vergleich zu 1990 weltweit an der Spitze und dürfte somit das in Paris vereinbarte Ziel gerade noch rechtzeitig erreichen. Alle Fachleute führen das vor allem auf die CO2-freie Energieversorgung in der Industrie und dem Verkehr zu Lande, in der Luft und im Wasser zurück… Um diesem grandiosen Erfolg auch in seiner geschichtlichen Dimension Rechnung zu tragen, wird erwogen, den 25. Oktober zum „Klimafeiertag“ zu erklären. So haben Politik, Wirtschaft und Wissenschaft doch noch gezeigt, wozu sie – wenn auch zunächst unter großem gesellschaftlichem Druck – imstande sind, wenn es darum geht einen wesentlichen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Landes und gleichzeitig zur Erhaltung einer hohen Lebensqualität zu leisten.“

Anmerkung: Mittlerweile gibt es eine aktualisierte Ausgabe des Buches, das schon damals für viel Aufmerksamkeit und Diskussion sorgte. Davon zeugt auch der Untertitel der Neuausgabe: „Vom Pionier zum Schlusslicht – die deutsche Industrie auf dem Weg in die Zweitklassigkeit?“

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